Verflechtung

Inhaltsverzeichnis

Weg zur Arbeit

Hauptquartier

Aktion in Arbeit

Die Durchsuchung

Weg zur Arbeit

Regentropfen perlen von der grossen Fensterscheibe ab, sie zeichnen ein verschwommenes Bild eines morgendlichen Tages welcher langsam heller wird. Das gleichmässige Rattern, wie auch die Umgebungsgeräusche lassen mich zwischen eindösen und wachbleiben. Ich sitze im all morgendlichen Zug zur Arbeit. Meine Gedanken ordne ich gerade. Die innere Leere wird immer mehr mit meinen Terminerinnerungen des heutigen kommenden Tages gefüllt. Leise fluche ich innerlich, schon wieder eine Terminkollision! Um 10:00 Uhr werde ich wieder einmal eines meiner kurzfristigen improvisierten Präsentationen mitwirken und  das noch vor unserer Belegschaft, dem Pharmaunternehmen Schnelzer & Söhne. Der Mittag wird sicher überzogen, daher kann ich auch sicher das geplante Treffen und Mittagessen mit meinem Freund Micki vergessen. Nehme mein Smartphone aus der Seitentasche, kontrolliere den Termin nochmals und schreibe Ihm eine Nachricht mit der Absage und einer Verschiebung des Essens. Nach dem Pflichtteil ist meine volle Aufmerksamkeit wieder dem Fensterplatz gewidmet. Station Friedrichheimweg! Ich schlage mich durch die Menge welche anscheinend das gleiche Ziel vor Augen hat wie ich. Das markant gläserne Gebäude welches sich zwar nahtlos in die Umgebung einfügt aber dennoch wie ein Kristall heraussticht soll mein Ziel sein. Der Hauptsitz meines Arbeitgebers, gebaut in nur 2 Jahren Bauzeit, als repräsentatives Gebilde, geschaffen für die zukünftige und aggressive Firmenstrategie unseres Managements. Wie jeden Morgen husche ich schnell durch die Drehtüre, begrüsse die Empfangsdamen und schreite zielgerichtet zum Aufzug. Bevor sich der Lift schliesst huscht mein Arbeitskollege Patrick hinein. Er ist ein wenig ausser Puste, wie jeden Tag, aber jeweils keine Sekunde zu spät. Gemeinsam fahren wir in den 10. Stock hinauf. Bis wir an unserem Arbeitsplatz ankommen, entwickelt sich ein kleines Gespräch über die kommende Fotomesse und wieso Sony allen die Show stiehlt. Kurz vor 10 Uhr stehe ich mit meiner Mappe, meinem Tablet und viel Adrenalin vor dem Rednerpult. Jetzt gilt es! 2 Jahre harte, nicht immer erfreuliche aber dennoch meist kreative Arbeit den Anwesenden vorzustellen. Es geht um die Lancierung eines bis anhin in Entwicklung stehenden Pharma-Produkts. Eine Weltpremiere, die auch marketingmässig voll einschlagen muss. Die Belegschaft erwartet wie immer einwandfreie Arbeit und für dieses Produkt etwas sogar darüber hinaus. Wie vorausgesehen überzog sich die Präsentation zeitlich, so dass ich danach nur die Zeit fand, ein Sandwich von der Mensa zu vertilgen. Die Präsentation verlief nach meinen Augen wie nach Plan, sie waren mit kleinen Abstrichen zufrieden und ich werde in den nächsten Tagen sicher den anerkennenden Schulterklopfer meines Bereich-Chefs bekommen.

Hauptquartier

Der Bahnhof hatte seine besten Tage schon hinter sich gelassen. Auf dem Perron liegt offener Abfall eines demolierten Abfalleimers herum, gesprayte Fassaden und eingeschlagene Fenster geben ein Bild einer trostlosen Gegend ab. Teile der rostigen und mit Unkraut überwachsenen Gleise führen zu einem rötlichen Backsteingebäude, einer alten und verlassenen Industriehalle. Bis vor 30 Jahren war hier ein reger Betrieb, der damalige deutsche Industriekonzern ThemseKrapp produzierte hier für längere Zeit Stahl für den Rüstungsbetrieb. Mit der Einung von Deutschland und der Spaltung der Tschechoslowakei, wurde der Standort für die Deutschen uninteressant, daher verkaufte man alles mit Hilfe von Staatlichen Subventionen der Übergangsregierung Tschechische und Slowakische Föderative Republik, an die Ost-Ukrainische Tecworoschstal. Aber die Zeiten, die Geschichte und mit Ihr die Umgebung ändern sich stetig. Eine unebene Strasse neben den Gleisen, mal früher als Zufahrtsstrasse genutzt, führt direkt an das Gebäude. Die massiv riesigen Aussentore stehen halb geöffnet, wahrscheinlich schon seit Ewigkeiten. Aber wirkt wirklich alles so verlassen? Nicht ganz, wenn man ganz nah an den Eingangsbereich tritt hört man schwach und durch das Blechdach überlagertes Stimmengewirr. Mal in Befehlsform, mal überlagert mit aus einem Radio beschallender Musik. Ein hochgezogener Drahtzaun der aussen rum mit einer schwarzen Plastikfolie umwickelt ist, versperrt die Sicht auf das Innere. Sichtschutz und Sicherheitsschutz zu gleich, damit hält man ungebetene Gäste fern. Ein Headquarter, auch kurz HQ genannt ist es. Ein Ort, von dort aus die Operation Grasshoper (zu DE Heuschrecke) startet.

Aktion in Arbeit

Der Nachmittag verläuft ereignislos, arbeite in der Anwendung In Design und möchte gerade eine neue Einzelgrafik die ich zuvor von der Foto-Webplattform heruntergeladen hatte in mein bestehendes Projekt einbinden, da geschieht es. Es passiert so schnell und so überraschend, dass ich nur noch mit offenen Mund da sitze. Jede auf meinem Desktop abgelegte Datei bekommt innerhalb eines Fingerschnippes kryptische Dateinamen und nach meiner Meinung sehr exotisch klingende Dateiendungen. Die Maus kann ich zwar noch bewegen, aber die Tastatur funktioniert nicht mehr. Angst bereitet sich in mir aus, versuche den Explorer und verschiedene Netzlaufwerke aufzumachen, dort wo ich meine restlichen Projekte abgespeichert habe. Alles läuft wie in einem Film ab, kann nur noch hilflos zusehen wie sich verschiedenste Dateien, sogar ganze Ordner automatisch von selbst umbenennen. Hastig und wie in Trance rufe ich meine Arbeitskollegen herbei. Die Schauen mich natürlich zuerst sehr verwundert an, kommen aber sehr schnell auf mich zu als sie sehen, dass ich es vollen ernstes meine. Bis wir realisieren was wirklich passiert, ist es schon zu spät. Auf meinem Bildschirm sieht es so aus als würde mutwillig einer ein ganzes Gemälde verunstalten. Mein Kollege reagiert am schnellsten und reisst das Gerätekabel aus meinem Computer raus. Kein Strom, kein Netz, kein weiterer Schaden, aber was heisst schon “kein weiterer”. Wir schauen uns alle an. Patrick sagt er  sofort die interne Informatik anrufen, er solle dringend bei uns vorbei kommen, fragen ob der Schaden ein grösserer ist und ob man ihn so gut und so schnell wie möglich beheben kann.

… Sein doof grinsendes Foto blinkt mir beim unteren Bildschirmrand entgegen, mein Blick und meine Hand gehen nach Rechts zum VoIP Telefon und nehme es entnervt ab. “Was willst du” frage ich ihn, schon wohlwissend dass er wieder einmal mit einer Frage kommen wird, welche er getrost mit ein wenig Eigenmotivation selbst beantworten kann.

hi, kannst du dringend zu uns kommen? Bei uns ist die Hölle los! Eigentlich möchte ich lieber Antworten, er solle doch lieber den offiziellen Weg über unser Ticketsystem gehen, aber die Stimme von Patrick, dem Kollegen von Tim, meinem on/off Freund und jetzigen Off Freud ist hörbar schon zu sehr aufgeregt, als das es sich um ein Routine Problem handeln würde. “Auf den Bildschirmen, in unseren Projekten sehen wir nur noch kryptische Zeichen.” Ich schlage ihm vor wir sollen doch eine Fernwartung-Session durchführen, also das ich von meinem Computer auf seinen Computer bildlich darauf zugreifen kann, aber er verneint so vehement, dass ich Ihm sage alle sollen kurz ruhig bleiben, wir schauen das bei uns IT intern sofort an, wir werden uns zeitnah melden.

Stehe auf, gehe zu den Kollegen des IT Supports und frage sie mit bestimmter Stimme ob wir zusammen etwas kurz anschauen könnten. Im gleichen Moment höre ich das leise Fluchen eines weiteren Kollegen, der unter anderem den täglichen Auftrag hat die Systeme zu überwachen, neben mir. Unsere ganzen freigegebenen Netzlaufwerke (Share) mitsamt den ganzen Dokumenten werden momentan verschlüsselt, daher müssen wir diese schnellsten alle abhängen und wenn nötig einen Teil unseres ganzen Systems herunterfahren um einen grösseren Schaden abwenden zu können. Hast du noch Kontakt zu… wem schon wieder…. Zu Patrick und Tim, Bereich Marketing, Patrick ist die erste Ansprechperson. Sage Ihm, er sollte sofort alle Computer des Bereichs herunterfahren, wir können aber noch nicht mit Bestimmtheit sagen ob ein PC von dort der Wirt ist, oder ein anderer. Schlimmsten falls müssen wir alle Computer unseren Standort herunterfahren. ALLE?! Sage ich zu Ihm, ja ALLE‼ und sofort mit der Sichtung des Schadens beginnen. Zum Glück haben wir eine permanente Sicherung unseres ganzen Systems, so dass schlimmsten Falls nur 1 Tag Arbeit verloren geht, blöd aber immerhin. Gesagt, getan. Ich habe Patrick so gut wie möglich die Situation kurz und  knapp erklärt. Wollte aber dennoch rauf kommen, um den ganzen Vorgang vor Ort zu Überwachen und ja, auch ein wenig wegen Tim.

Die Durchsuchung

Durch das Geläute meiner Wohnungstürklingel werde ich geweckt und öffne mühsam meine noch milchig erscheinenden Augen, leise fluche ich vor mich her und wünsche mir sehnlichst, die Person welche die Klingel unaufhörlich betätigt schleunigst auf den Mond zu kicken. Mache einen Hopps aus dem Bett, ziehe mir das Nötigste an und schlurfe dem Korridor entlang meiner Haustüre zu. Bevor ich meine Gedanken richtig ordnen kann schliesse ich die Türe auf und betätige ruppig die Klinke. Grelles Licht und ein kalter stickiger morgendlicher Luftzug des Aussenkorridors kommen mir entgegen. Da stehen zwei in polizeidienstlicher Uniform gekleideten Herren vor mir. Ich bemerke dass einer der beiden seinen Fuss zwischen Tür und Angel platziert. Kripo Hamburg, sind Sie Herr Kowalski?! Wir haben einen Durchsuchungsbefehl!

Der Weckruf! Schneller als ein Tesla S Elektroautomobil auf den ersten Metern bin ich wach und meine Gedanken blitzschnell geordnet. Ja, das bin ich. Was wollen Sie?

Wir haben einen Durchsuchungsbefehl für Ihre Wohnung wegen Wirtschaftskriminalität, Unterschlagung von firmenimternen Dokumenten und Hehlerei. Das hat gesessen! Er versucht mir noch meine Rechte und Pflichten aufzuklären aber ich bin in diesem Moment so fassungslos das ich alles über mich ergehen lasse und die beiden wie in Trance hineinlasse.  Nacheinander kommen noch mehrere In zivil gekleidete Personen hinein, welche sich als IT-Forensiker entpuppen. In dem Zeitraum wo ich ausgefragt werde, tragen die Personen mein ganzes Computer und sonstiges  technisches Equipment aus dem Haus. Auch mitten in der Befragung muss ich der polizeilichen Spurensicherung mein Smartphone abgeben wie auch alle meine Passwörter bekannt geben. Meinen Hals fühlt sich bei der ganzen Befragung so an als hätte ich einen Riesen Klos verschluckt. Die ganze Situation kommt mir wie in einem billigen B-Movie vor, oder wie beim 90er Jahren Film Hackers – Im Netz des FBI, mit meinem damaligen Filmschwarm Angelina Jolie in der Nebenrolle. Nachdem das Ganze Schauspiel vorbei war und die Polizei mit all meinen Sachen verschwand, schliesse ich meine Haustüre und gehe stumm und gedankenverloren wieder den Korridor, an herumliegenden Netzwerkkabeln und sonstigen durchwühlten unsauber platzierten Sachen vorbei zu meinem Esstisch und lasse mich in den Stuhl fallen. Meinen Hände zittern, achtlos schaue ich auf meine Tischkerze, nein ich starre Sie förmlich an. Was war das?! Mein Gott, in was bin ich nur hineingeraten. “verdammt” zischt es aus meinem Mund. Stehe wieder auf, gehe geradewegs zum Kühlschrank und genehmige mir mit grossen Schlücken ein kühles Astra Bier.

Zuletzt bearbeitet am: 12. Mai 2017

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